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2. Sizilienfahrt 2016. Ein Abschlussbericht in 5 Fragen – Teil 3 & 4

Frage 3: Was kann, soll, muss getan werden?

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Anselm und Johanne freuen sich, dass schon der halbe LKW entladen ist.

In all dieser scheinbaren Ausweglosigkeit ist wichtig zu sagen, dass viele der (obdachlosen) Geflüchteten trotzdem nicht gewillt sind, passiv zu bleiben, dass sie trotz Perspektivlosigkeit Aufgaben suchen, sich durchschlagen, sich zusammen tun und auch Unterstützung von Menschen vor Ort bekommen. Ganz vorn dabei ist da der progressive Kirchenvater Padre Carlo D’Antoni, der nicht Ruhe gibt, solange die Situation so unhaltbar ist. Ausgezeichnet als Human Rights Defender von Amnesty International, setzt er sich schon lange für die Geflüchteten ein, beherbergt etwa 150 obdachlose Geflüchtete in seiner Kirche in Siracusa, hört nicht auf für Solidarität, Zusammenhalt und offene Grenzen zu predigen. Seit April 2016 arbeiten wir mit ihm zusammen und hatten schon so manche hitzige Debatte darüber, was wir noch alles tun können und müssen.

In Absprache mit ihm kauften wir von einem Teil der Spendengelder (ca. 1.000€) lagerfähige Grundnahrungsmittel, um die Küche der Geflüchteten auszustatten. Später fuhren wir weiter zu einem Camp illegalisierter Geflüchteter, von denen die meisten sich als Tagelöhner auf den Feldern durchschlagen. Während der Saison leben und arbeiten dort ca. 200 Geflüchtete. Im Camp gab es weder Sanitäranlagen noch Schlafmöglichkeiten. Teilweise schlafen sie unter freiem Himmel oder in improvisierten Hütten und Zelten. Camps wie dieses gibt es an vielen Orten Süditaliens und unsere Beobachtungen seit der ersten Fahrt lassen den Schluss zu, dass sich die Situation zunehmend verschlimmert.

Warum? Immer wieder taucht die Frage auf. Immer wieder merken wir, dass wir sie nur zum Teil beantworten können und dass diese Antwort oft wütend macht.

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In einem Camp obdachloser Geflüchteter, die sich als Feldarbeiter über Wasser halten

Wir sind natürlich nicht die einzigen, die nach dem „Warum?“ und dem „Wie geht es anders?“ fragen. Bei unserer Vorbereitung der Hilfsfahrt wurden wir auch von Islamic Relief kurzfristig mit Sachspenden unterstützt. Mohamad Ajami von deren Kleiderkammer flog auch nach Sizilien, um uns kennenzulernen und uns vor Ort zu unterstützen. Zudem war er grundsätzlich an unserer Arbeit interessiert, um für eine langfristige Kooperation den Grundstein zu legen. Am Donnerstag trafen wir daher einen stets gut gelaunten Mohamad, der nicht nur mit seinen Arabisch-Kenntnissen, sondern auch dank seines Humors eine große Bereicherung war. So konnten wir noch besser mit vielen Geflüchteten kommunizieren, vor allem mit Menschen, aus dem Sudan und Eritrea, unter ihnen viele Minderjährige und Frauen. Wesentlich mehr als in den letzten Jahren, wie wir beobachtet haben.

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Mit unseren MistreiterInnen gibts immer was zu Lachen

 

Frage 4: Wie erreichen die Hilfsgüter ihr Ziel?

Am selben Abend landeten dann die drei Mitglieder von Hanseatic Help e.V., am nächsten Abend rollte auch nach langer Tour der LKW ein. Bevor es ans Auslade-Tetris ging, folgten wir noch der Einladung von Rene Schulthoff, dem Communications Officer der SOS Mediteranne und besuchten erneut die MS Aquarius. Er zeigte uns das Schiff und erklärte die Abläufe einer Rettungsaktion.

Von da aus ging es – nun komplett und mit LKW – zu St. Egidio, einer Organisation, die sich unter anderem um minderjährige Geflüchtete und Obdachlose kümmert. Sie übernahmen zunächst auch die Einlagerung der Güter für das Centro Astalli, ein von Jesuiten betriebene Tagesanlaufstelle für obdachlose Geflüchtete. Wie es der Zufall wollte, kamen uns 30 bis 40 Jungs, die gerade Fußball auf dem Hof spielten, zu Hilfe, und so war nicht nur die erste Ladung (ca. 1/3 der Gesamtladung) flugs verstaut, sondern auch noch ein netter Abend mit neuen Kumpels verbracht. Neben großen Mengen an Hygieneartikeln, gingen 2.000 T-Shirts, 3.000 Pullover, 1.500 Hosen, aber vor allem Unterwäsche an das Centro Astalli und St. Egidio. Ebenso erhielt die Organisation St. Egidio 500 Badelatschen für die Weitergabe an obdachlose Menschen.

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Auch der nächste Tag strapazierte dann die Oberarme, denn der LKW sollte ja ganz leer wieder zurückfahren. Noch war die Rückwand in weiter Ferne. Um nicht dem im Sommer geltende LKW-Fahrverbot an Samstagen zu unterliegen, wurden wir vom Zivilschutz in Augusta mit Blaulicht eskortiert, damit wir mit dem Ausladen auch am Wochenende weitermachen konnten. Das nennt man dann wohl Außenwirkung.

 

Wie schon die Jahre zuvor, hatten wir auch hier im Vorfeld Bedarfe erfragt und konnten gezielt mit den dringend benötigen Hygienartikeln und Unterwäsche für Frauen aufwarten. Später am Nachmittag luden wir außerdem die Sachspenden für Ärzte ohne Grenzen e. V. in Augusta ab. Die Kooperation mit ihnen kam dank Gerd Knoop von SOS Mediterranee e. V. zustande. Ärzte ohne Grenzen e. V. übernimmt derzeit neben der Erstversorgung der aufgenommenen Geflüchteten auch die Verteilung von Kleiderspenden auf der MS Aquarius. So fanden dann 4.000 T-Shirts, 6.000 Pullover und 2.000 Hosen den Weg in die Räume der Hilfsorganisation. Außerdem übergaben wir 2.000 Sets neu erworbene Unterwäsche zur Weitergabe an die geretteten Geflüchteten. Der Bedarf ist nicht nur aufgrund der immer noch sehr hohen Zahl Geflüchteter an den sizilianischen Küsten enorm, sondern auch weil viele mit übertragbaren (Haut-)Krankheiten, u.a. bedingt von der Flucht und Überfahrt ankommen, und die Kleidung daher nur einmal genutzt werden darf.

Das Team von Hanseatic Help und Projekt Seehilfe e.V. mit René Schulthoff vor dem Schiff von SOS Mediteranee und Ärzte ohne Grenzen.

Fortsetzung folgt nächste Woche.

Text: Sophie Jerusel, Johanne Bischoff, Carolin Zieringer

Bilder: Janina Alff (Hanseatic Help e.V.) und Philipp Leusbrock

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