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“Diese sichtbare Armut in den Straßen führt zu mehr Ablehnung”

Seit drei Jahren fahren die Mitglieder des Projekt Seehilfe e.V. nach Sizilien, um dort obdachlosen Geflüchteten zu helfen. In unserer neuen Interviewreihe erzählen die Vereinsmitglieder von ihren persönlichen Erfahrungen und geben Einschätzungen zur Lage vor Ort. Gründungsmitglied Philipp macht den Anfang.

In den Medien wird im Moment kaum über die Situation in Sizilien berichtet. Wie ist die Lage vor Ort?

Philipp: Seit dem Sommer kommen deutlich weniger Menschen dort an, weil die EU mit Libyen zusammenarbeitet. Es gibt eine Küstenwache, die die Leute daran hindert loszufahren. Sie sind in Camps untergebracht, in denen sie misshandelt oder versklavt werden. Manche werden verkauft. Wenn die Geflüchteten Glück haben, werden sie auf dem Mittelmeer von Hilfsorganisationen gerettet und nach Italien gebracht. In den meisten Fällen führt dieser Weg nach Sizilien, wo viele in Hotspots landen. Dort wird eine Vorentscheidung getroffen, ob überhaupt ein Asylantrag gestellt werden darf. Wenn das nicht der Fall ist, müssen die Geflüchteten Italien verlassen. Sie werden aus den Hotspots geworfen und stehen ab diesem Zeitpunkt auf der Straße – oft nur mit den Sachen, die sie anhaben. Dann geht die Odyssee los. Für diese Menschen gibt es keine staatliche Unterstützung, sie wissen nicht wohin, sind obdachlos. Einige versuchen sich irgendwie durchzuschlagen, andere arbeiten auf Feldern. Es gibt inzwischen auch Gerüchte, dass vor den Hotspots nach gesunden Männern Ausschau gehalten wird. Das geht wohl in Richtung Organhandel.

Was hat sich noch verändert?

Es kommen nun zusätzlich Menschen aus europäischen Ländern nach Italien. Deutschland zum Beispiel hat lange nicht nach Italien abgeschoben, weil klar war, dass die Menschen dort in prekären Situationen landen. Seit diesem Jahr schiebt Deutschland wieder ab. Wir haben in Sizilien jemanden kennengelernt, der schon drei Jahre in Bayern gelebt hat. Er kann Deutsch und hatte einen Ausbildungsplatz in Aussicht. Jetzt lebt er in Sizilien auf der Straße.

Wie informierst du dich über die Situation in Sizilien?

Über unsere Partner vor Ort, über unser Vereinsmitglied Agata zum Beispiel, aber auch über andere Hilfsorganisationen, mit denen wir uns austauschen. Natürlich haben wir auch Kontakt mit Geflüchteten in Sizilien, die uns regelmäßig berichten.

Was wird gerade am meisten gebraucht?

Warme Sachen: Hosen, Unterwäsche, Schlafsäcke, Isomatten, im besten Fall ein Obdach. Denn auch in Sizilien fällt im Winter manchmal Schnee…

Die Seehilfe ist kürzlich drei Jahre alt geworden. Wie hast du die Entwicklung in Sizilien über diesen Zeitraum erlebt?

Als ich 2014 zum ersten Mal da war, war die Stimmung ganz anders. Die Geflüchteten lebten integriert mitten in den Städten, die Sizilianer waren ganz herzlich und haben gesagt: „Mensch, wir sind ein Seefahrervolk, wir verstehen das.“ Über die Zeit sind aber immer mehr Leute gekommen und der Druck von Außen, etwa von der EU, hat zugenommen. Jetzt hört man öfter fremdenfeindliche Sprüche und die Unterkünfte sind nun außerhalb der Städte. Seit der Einführung der Hotspots 2016 gibt es außerdem viel mehr Obdachlose und Menschen, die um Geld bitten. Diese sichtbare Armut in den Straßen führt zu mehr Ablehnung.

Du gehörst ja zu den Gründungsmitgliedern der Seehilfe. Wo steht der Verein jetzt und wie soll es in 2018 weitergehen?

In den ersten Jahren haben wir viel Soforthilfe geleistet – akut und vor Ort. Das wollen wir auch weiterhin machen, aber nun wollen wir auch verstärkt langfristig in die bestehenden Strukturen dort investieren. Als konstantes Projekt haben wir die Zusammenarbeit mit Padre Carlo ausgewählt. Er bietet aktuell 30 Leuten ein Obdach in seiner Kirche. Um ihnen langfristig eine Perspektive bieten zu können, wollen wir dort einen Computerraum aufbauen; etwa für Sprachunterricht. Wir wollen außerdem eine Integrationslotsin beschäftigen, um eine intensive Betreuung obdachloser Geflüchteter in ihrem Alltag zu gewährleisten. Dies wird unser Mitglied Agata übernehmen. Des Weiteren planen wir in 2018 ein Fußballcamp für Geflüchtete in Sizilien. So wollen wir uns als Projekt Seehilfe e.V. gegen Isolierung und für Begegnung stark machen. Denn niemand mag allein sein.

 

Das Interview führte Hannah.

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