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Das Ende der Flüchtlingsschiffe

Mit dem Vessel-Finder-Toll lässt sich der Schiffsverkehr im Mittelmeer nachvollziehen – auch alle Rettungsaktionen

Zwischen Jachthafen und der Zufahrt zur Fähre nach Malta befindet sich der Bootsfriedhof von Pozzallo. Himmelblaue Farbkruste platzt von den Bootsrümpfen. Die Schiffsnamen schlängeln sich in arabischen Buchstaben am Bug entlang.

Seit unserem Besuch im vergangenen September sind keine neuen Boote dazugekommen. Sie werden jetzt auf hoher See zurückgelassen und nicht mehr in den Hafen geschleppt.

Gerne würden die EU-Verantwortlichen die Flüchtlingsschiffe gleich versenken, doch rechtlich ist das nicht so einfach: Das Schiffeversenken ist eine Art militärischer Akt, den man nicht willkürlich in fremden oder internationalen Gewässern ausüben darf.

Kampf gegen „Menschenschmuggler“

Die sogenannten Schlepperrouten möchten die Brüsseler Entscheider ebenfalls zerstören – bestenfalls mit einem UN-Mandat. Einen Beschluss über eine Militäroperation hat man auf EU-Ebene bereits gefasst. Für das Vorgehen unter dem Namen „Eunavfor Med“ im südlichen Mittelmeer werden 12 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Das Operationsgebiet erstreckt sich bis an die Küste Libyens, Ägyptens und Tunesiens.

Die EU-Mission soll in drei Phasen ablaufen: Zunächst identifizieren die beteiligten Kräfte Boote und sammeln Daten zu den Fluchtrouten.In einem nächsten Schritt untersuchen teilnehmende Militärschiffe „verdächtige Boote“, „leiten sie gegebenenfalls um“ und am Ende steht die Zerstörung der Boote. Für die letzten beiden Maßnahmen ist die Zustimmung der Vereinten Nationen unabdingbar.

Während unseres letzten Sizilien-Aufenthalts haben wir in Pozzallo erneut beobachtet, wie ein Boot mit Flüchtlingen in den Hafen gebracht wurde.

Die meisten Flüchtlingsboote sind seeuntauglich. Ihre Passagiere werden von den „FluchthelferInnen“ angehalten, einen Notruf abzusetzen, sobald sie internationale Gewässer erreichen. Die als Lady SOS bekannt gewordene Nawal Soufi und das Watch the med – Alarmphone organisieren die Rettung.

Seenotrettung als Völkerrecht

Schiffe in der näheren Umgebung sind dazu verpflichtet, Menschen in Seenot zu retten. Immer wieder helfen Fischerboote und Handelsschiffe Flüchtlingen. Auch die Schiffe der europäischen Operation „Eunavfor Med“ nehmen geflüchtete Menschen an Bord. Ihr primärer Auftrag bleibt aber das Schließen der Fluchtkorridore.

Die Fluchthelfer schicken die Flüchtenden oftmals mit einem perfiden Rat aufs Meer: Sobald sie internationales Gewässer erreichen und andere Schiffe sehen, sollen sie ihr Boot zum Kentern bringen, um die Boote in Sichtweite zum Eingreifen zu zwingen. Dass viele Flüchtende nicht schwimmen können – geschenkt.

Mit dem von uns beobachteten Transport seien knapp 124 Menschen in Pozzallo angekommen, sagt Lucia von Borderline Sicily Onulus. 11 von ihnen aus Tunesien, 113 aus Zentralafrika. Die tunesischen Flüchtlinge seien direkt wieder abgeschoben worden.

Nachdem die Behörden eine Bestandsaufnahme gemacht hatten, wurden alle anderen in zwei Busladungen ins 300 Meter entfernte Erstaufnahmelager transferiert. Die Situation erschien uns sehr ruhig. Beteiligtes Personal von verschiedenen italienischen Behörden und Hilfsorganisationen tragen meist Handschuhe und einen Mundschutz.

Festnahmen am Hafenbecken

Auch die Polizei war anwesend: Bei dem von uns beobachteten Transport wurden zwei „Schlepper“ festgenommen, wie italienische Medien berichtet haben. In den Tagen unseres Aufenhaltes trieben über 3.000  Refugees zwischen Nordafrika und Sizilien. Menschen, die zum Teil 1.000 Euro oder mehr an “Schlepper” bezahlt haben, um ins vermeintlich sichere Europa zu gelangen. Laut Guardian warten in Libyen 450.000 bis 500.000 Menschen, um sich über den Seeweg nach Europa „zu retten“.

Die Beobachtung von Rettungsaktionen auf dem Mittelmeer ist mit Tracking-Tools wie vesselfinder möglich. Für uns ist war die App sehr aufschlussreich. Denn wenn man weiß, welche Schiffe in die Rettung involviert sind, lassen sich deren Aktionen verfolgen.

Zum Beispiel das deutsche Einsatzgruppenversorger Berlin: Das Marineschiff zeichnete sich durch einige sehr interessante Manöver aus: Mit dem Wissen, dass von diesem Schiff viele Menschen von kleinen Booten aufgenommen wurden, lassen sich die verschlungenen Fahrtlinien erklären.

Bedenklicher Gesundheitszustand

Die Geflüchteten befinden sich in einem schlechten gesundheitlichen Zustand. Zwei Krankenwagen warteten auf sie bei der von uns beobachteten Ankunft.

Vor direktem Kontakt wurden wir bereits im letzten Jahr gewarnt. Die italienischen Behörden sähen den Kontakt nicht so gerne und er könne zu Problemen führe.

Versucht haben wir es trotzdem: Durch eines der Fenster konnten wir zwei junge Männer erkennen. Wir haben gewunken, ihnen fragend den Daumen nach oben gezeigt und hatten ein beklemmendes Gefühl, als sie mit der gleichen Geste antworteten. Denn für uns ist gut etwas anderes.

Trotzdem ist und war dies auch schon im letzten Jahr der Moment, von dem wir hoffen, dass sich diese jungen Männer an ihn erinnern werden: Sie sollen sich willkommen fühlen. Trotz allem.

Hanne

Recherche: Anne und Sophie

 

Die letzten beiden Texte:

Aufenthaltstitel – mehr nicht

Erste Sizilienfahrt 2015 (Video)

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