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Der Tropfen auf den heißen Stein

Mustafa* steht neben mir und blickt mich an. Ich habe ihm gerade die Visitenkarte vom Projekt Seehilfe e. V., mit dem ich hier in Siracusa, Sizilien bin, gegeben. Zuerst habe ich sie nur seinem weitaus gesprächigeren Freund in die Hand gedrückt. Aber weil er direkt daneben steht, fühlt es sich falsch an, ihm keine zu geben. Als er sie in der Hand hält, sieht es trotzdem so aus als ob er nicht so recht wüsste, was er damit anfangen soll. Er lächelt zaghaft und mir wird klar, dass ich mit meiner Einschätzung richtig liege. Er bedankt sich höflich, bleibt vor mir stehen und wir blicken uns kurz wortlos an. Wir haben das ganze Abendessen lang kein einziges Wort miteinander gewechselt und eben noch hatte es den Anschein, als ob er abhauen wollte. Doch plötzlich kommen wir ins Gespräch. Ich weiß nicht mehr, warum und wie. Wahrscheinlich begann es mit einer jener Fragen, die wir in der letzten Zeit so häufig gestellt haben: “Wo kommst du her?” Dann fängt er an zu erzählen.

Mustafa kommt aus Gambia, er ist 18 Jahre alt. Seine Augen blicken aufgeweckt zum Gegenüber, sie scheinen sich aber auch leicht ablenken zu lassen, denn der Blick ruht selten. Er schaut mir nur selten direkt in die Augen. Wir unterhalten uns über seine alte Heimat, kurz über seine neue, anschließend darüber, wie er in sein neues Zuhause gelangt ist: Mit 15 Jahren macht er sich nachts auf den Weg. Er steigt in einen Bus. Er hat zwei Hosen bei sich und das Geld, das er heimlich während der Schulzeit angespart hat. Niemand aus seiner Familie wusste von seinem Vorhaben. Er hatte diesen Plan schon lange – wusste schon früh, dass er sich eines Tages nach Europa aufmachen würde. Er erzählt, dass viele seiner Freunde Polizisten oder Soldaten sind, die so gut wie kein Geld verdienen. Sie könnten sich, sagt er, noch nicht einmal einen Kaffee leisten. „So möchte ich nicht leben.“ – verständlich, finde ich.

Seine Flucht führt ihn durch vier afrikanische Länder. Zuerst Senegal, dann Mali. Im Niger geht ihm das Geld aus. Er ruft seine Mutter an. Sie fragt ihn, wo er sei und er antwortet wahrheitsgemäß. Sie sagt, dass sie dieses Land nicht kenne. Sie fragt, wo es wäre und verlangt daraufhin, dass er auf der Stelle zurückkommt. Er weiß nicht wie, ohne einen Cent in der Tasche. Sie verkauft eine Kuh und schickt ihm etwa 250 €. Er macht sich auf den Weg nach Libyen. Er kann und will nicht zurück.

In Libyen beginnt für ihn, wie für viele andere flüchtende AfrikanerInnen vor und wohl auch nach ihm, eine Hölle auf Erden. Er wird geschnappt und in ein Gefängnis gebracht. Zusammen mit ungefähr 600 Insassen wird er in einem einzigen Raum gefangen gehalten. „An schlafen“, erinnert er sich, „ist an einem solchen Ort nicht zu denken“. Nirgends kann man liegen oder sich bewegen. Es gibt keine Privatsphäre. Man kann sich nicht ausmalen, was das für Zustände sind. Jeden Tag werden er und die anderen Insassen von den libyschen Wärtern geschlagen und misshandelt. Sie wollen ihn dazu bringen seine Familie anzurufen: Die sollen ihn freikaufen. Er behauptet, keine Familie in Gambia zu haben. Einige der Wärter schlagen ihn einfach, weil sie Lust dazu haben. Es muss die Hölle gewesen sein: Mustafa erzählt detailliert und glasklar.

Immer wieder berichtet er, dass er das alles ohne Gott und seinen Glauben nicht hätte schaffen können. Das klingt, in meinen Ohren, aber nicht wie der Glaube eines Fanatikers, sondern wie der eines Jungen, der den Glauben in alles Weltliche zu verlieren droht. Zu viel, was man sich selbst nicht ausmalen will, passierte um ihn herum – passierte ihm. Er sucht Zuflucht im Glauben, die einzige Möglichkeit Kraft zu schöpfen und Sinn zu sehen, dort, wo alles Weltliche versagt, und wo man keine Möglichkeit mehr hat, das eigene Leben zu lenken.

Die Kirche von Padre Carlo, in der Geflüchtete Hilfe finden können

Eines Nachts sind die Wärter betrunken. Sie feiern. Die Insassen der überfüllten Zelle brechen das Holzbrett, mit dem das Fenster versperrt ist, auf. Viele von ihnen sind abgemagert und zwängen sich durch den schmalen Spalt in die Freiheit. Mustafa fällt, wie so viele in dieser Nacht, und verletzt sich das rechte Bein. Er steht neben mir und bewegt es, zeigt mir, wo es ihn jetzt, Jahre später immer noch schmerzt. Er erzählt mir auch, dass einige der Insassen, die „dickeren“, nicht durch die Lücke passten und dass ihnen deswegen die Flucht verwehrt blieb. Mir schießt sofort der Gedanke in den Kopf, was mit diesen Personen wohl am nächsten Morgen passierte, als die Wärter, noch verkatert, in die Zelle traten. Mustafa fährt fort, nimmt mich mit auf den Fluchtweg:

Er rennt los, es ist mitten in der Nacht. Mehr als 12 Stunden läuft er, läuft bis zum nächsten Nachmittag. Er trifft auf einen libyschen Taxifahrer – einen alten Mann. Mustafa fragt ihn, ob er ihn in ein Stadtviertel von Tripoli fahren kann, in dem viele Menschen aus Gambia wohnen. Der Taxifahrer sagt ihm, dass er sehr weit von diesem Ort entfernt wäre. Er ist misstrauisch und fragt, wo er herkomme. Mustafa muss lügen. Er erzählt mir, dass man in Libyen niemandem trauen könne – wie auch, nach solchen Erfahrungen? Der Fahrer verlangt 60 Dinar für die Fahrt, weitaus mehr als Mustafa besitzt. Doch er hat immer noch um die 200 Euro bei sich, viel Geld – doch es zu verlieren wäre das abrupte Ende seiner Flucht. Wenn der Fahrer etwas wittert, ist er tot, ist sich Mustafa in diesem Moment sicher. Er hat noch 20 Dinar in der Tasche und kann den Taxifahrer überreden, ihn zu besagtem Ort zu fahren. Glücklicherweise ist der Mann hilfsbereit und bringt ihn ans Ziel.

Das nächste Treffen: Mit einem, mit dem er schon vor der Fahrt Kontakt aufgenommen hatte. Ich vermute, dass es ein Schlepper war, frage aber nicht nach. Es kommt mir aus irgendeinem Grund wie eine sehr persönliche Frage vor. Vorerst kann er nun bleiben, wo er ist, um Geld zu sparen, vom sicheren Leben kann er nur träumen. Das alles erzählt er mir in flüssigem Englisch, irgendwo zwischen emotional und distanziert. Wenn ich nachfrage, unterbricht er kurz, ohne aber den Faden zu verlieren; es gibt so viel zu erwähnen. Wie oft hat er seine Geschichte schon erzählt? An manchen Punkten kommen mir seine Darstellungen so routiniert vorgetragen vor, dass es wohl kaum das erste Mal gewesen sein kann. Trotzdem scheint es mir auch so, als wäre er glücklich, sie endlich einmal loswerden zu können.

Zurück nach Libyen: Eines Abends, es ist bereits dunkel, steigt Mustafa in das Boot. Es ist kein Holzboot, wie er mir sagt, sondern ein kanuartiges Plastikboot. Es ist natürlich völlig überfüllt. Nahezu 200 Menschen befinden sich darin – er ist mit an Bord; endlich auf nach Europa? Die Überfahrt ist zwischenzeitlich ungefährlich – zumindest kommt ihm das so vor. Das Meer ist ruhig und es weht kaum Wind. Später werden die Wellen gegen das Boot peitschen und zwei Frauen über Bord gehen. Er beschreibt mir, wie er in der Dunkelheit ihre Schreie hört, ihre Hilferufe. Er zuckt mit den Schultern: “Was soll man tun?” Niemand von ihnen hat Schwimmwesten, bestätigt er mir mit einer abweisenden Handbewegung und einem kurzen Lächeln. Das alles klingt fast abgebrüht. Dann kommt ein Schiff. Er sagt mir, dass es ein relativ kleines Schiff der deutschen Marine gewesen sein muss.

Das Marineschiff kann die 200 Geflüchteten nicht aufnehmen. Es verfügt nicht über die dazu notwendigen Beiboote und fordert das Flüchtlingsboot auf, ihm zu folgen – mitten in der Dunkelheit. Der Außenbootmotor funktioniert zwar noch, doch das Wasser steht schon hüfthoch. Mustafa schätzt, dass ihr Boot über zwei bis drei Kilometer den Deutschen folgen muss, bis ein italienisches Schiff die Rettung übernehmen kann. Beiboote kommen zu ihnen und Chaos droht auszubrechen. Die italienische Crew versucht die verängstigten Menschen in englischer Sprache zu beruhigen.

Mustafa erzählt mir, dass er keine Panik verspürte: Nicht einen Mucks gibt er von sich, blickt einfach nur nach unten auf den von Wasser bedeckten Boden und wartet darauf, dass er gerettet wird. Er tut das, weil er es in Libyen so gelernt hat: Niemandem in die Augen gucken und bloß niemandem widersprechen – keine Initiative ergreifen; nur Demut üben. Dies hat ihn dazu gebracht, noch stärker auf Gott und sein Schicksal zu vertrauen. Es kommt, wie es soll und alles was folgt, liegt nicht mehr in seiner Hand. Seine Zuversicht ist aus eigenem Antrieb, aufgrund der schlimmen Erfahrungen, kaum mehr vorhanden und alles, was ihn von nun an antreibt, ist sein Glaube.

Endlich kann auch er das Boot verlassen. Im Februar 2016 betritt Mustafa aus Gambia zum ersten Mal in seinem Leben italienischen, und somit europäischen Boden. Er durchläuft den regulären Prozess. Er sagt, dass es keinen Sinn macht, seine Fingerabdrücke zu verweigern. Er kommt in ein Lager für minderjährige Jugendliche. Sobald er 18 Jahre alt ist, muss er wie alle volljährigen Geflüchteten aus dem Lager ausziehen, und sitzt von nun auf der Straße. Bei Padre Carlo, der sich in seiner Kirche um obdachlose Geflüchtete kümmert, findet er Unterschlupf. Und an diesem heutigen Tag auch mich.

Padre Carlo koordiniert die Hilfe für viele Geflüchtete in Sizilien

Doch an Mustafa geht die Flucht nicht spurlos vorbei. Er sagt mir, er sei womöglich einer der so genannten „Wirtschaftsflüchtlinge“. Er habe keine Freunde, außer einen, der auch aus Gambia stammt. Die meisten Italiener seien Rassisten, deswegen mag er sie nicht. Er verachtet die Art, wie sie leben. Er will einfach nur weg. Man mag Mustafa Undankbarkeit unterstellen, doch das griffe, finde ich, zu kurz.

Er erzählt mir von seinen Versuchen eine Wohnung zu mieten. Sobald die Eigentümer der Wohnungen merken, dass er schwarz ist, ist die Wohnung bereits „vergeben“. Er findet schnell heraus, dass das eigentlich nie stimmt. Ich frage ihn, ob der Grund dafür sein könnte, dass man denkt, er habe nicht genug Geld, um sich die Wohnung zu leisten. Er lacht, wie kurz zuvor, und schüttelt den Kopf. Selbst wenn er reich wäre, würde man ihm die Wohnung seiner Meinung nach nicht überlassen. Er ist schwarz. Punkt. Da scheint viel Wut in Mustafas Bauch zu sein, auch wenn er sie nicht zeigt. Und wenn es nicht Wut ist? Täusche ich mich und es ist schlicht die Enttäuschung eines jungen Mannes, der den Glauben in das Gute im Großteil der Menschen verloren hat? Aus gutem Grund? Sicher kennt er den Padre und weiß zu schätzen was dieser für ihn tut – das macht er deutlich. Auch, was wir vom Projekt Seehilfe e. V. für die Geflüchteten in Sizilien tun, findet er wichtig. Doch er scheint sich seine eigene Meinung zu vielen Dingen, mit der konsequenten und leichtfertigen Entschlossenheit eines Jugendlichen, bereits gebildet zu haben.

Ich versuche ihn mehrmals davon zu überzeugen, dass es viele gute Menschen gibt, doch komme mir sehr bemüht dabei vor, die Worte fühlen sich schal an, nachdem ich die Geschichte gehört habe. Er betont mehrmals, dass er stark sei, sonst hätte er die Flucht nicht überstanden. Und doch hätte man ihn besser sterben lassen sollen, um ihm die Erniedrigung zu ersparen, sagt er. Ich möchte ihn fast darauf hinweisen, dass er ein bisschen rassistisch denkt, doch spiegelt er nicht nur das, was viele Italiener ihm vermitteln? Es gibt viele gute Menschen, doch oft fallen einem besonderen die negativen Dinge auf.

Die vielen guten Taten guter Menschen können durch wenige schlechte Taten zunichte gemacht werden. Erfolgreiche Integration wird durch die Menschen, die nichts davon wissen wollen, die die Idee bereits treten bevor sie sich entfalten kann, verhindert. Selbsterfüllende Prophezeiung nennt man das wohl. Menschen wettern gegen den Staat, schieben die Verantwortung auf die politische Gemeinschaft und entziehen sich der Aufgabe eines jeden Menschen, Andere mit Würde zu behandeln. Es geht nicht um das Spenden von Geld oder Kleidung, zumindest nicht ausschließlich. Vor allem geht es darum, die Würde eines jeden einzelnen Menschen unbedingt anzuerkennen, zu respektieren, sie nicht zu verletzen. So denken auch wir, und so denkt insbesondere Padre Carlo. Doch wir sind nur der Tropfen auf den heißen Stein. Dabei frage ich mich wieder und wieder: Warum legen so viele Menschen immer mehr Holzscheite auf das Feuer?

Mustafa blickt mich immer noch aus wachen Augen an und scheint immer weiter erzählen zu können. Dieser 18-Jährige hat weitaus mehr erlebt, als ich mit meinen 29 Jahren – wahrscheinlich mehr als ich jemals erleben werde. Mir schießt durch den Kopf, dass das wohl auf jeden der mit mir am Tisch sitzenden Geflüchteten zutrifft. Ich frage nach seinem Freund. Ja, der hätte Ähnliches zu berichten.

Alle am Tisch stehen auf. Wir wollen ein Foto von der Gruppe machen. Eine der Personen auf dem Foto ist Mustafa. Es würde keinen Sinn machen zu zeigen, wer von ihnen er ist. Jeder der dort stehenden Geflüchteten hat eine ähnliche und doch ganz persönliche Geschichte zu erzählen. Es sind tausende Geschichten, von denen wir niemals wirklich verstehen werden können, was ihre Protagonisten erlebt haben. Was für uns Geschichten von Flucht sind, sind für sie Biographien, Erlebnisse, das, was sich tief ins Gedächtnis eingräbt.

Ich schaue mir das Foto an: Da stehen wir EuropäerInnen, Gutmenschen und womöglich das, was man linksversifft meint nennen zu müssen. Wir sind nicht alleine und wir wissen, dass es viele andere Menschen mit ähnlichen Ideen, Träumen und Vorhaben gibt. Gespräche wie die mit Mustafa lassen uns wissen, dass der Tropfen auf den heißen Stein nicht versiegen darf – und dass er zum Wasserschwall werden kann. Und da sind Mustafa und ich uns einig: Ohne gute Menschen wird es die Menschheit bald nicht mehr geben.

*Name geändert.

Text: Hendrik

Fotos: Nils, Philipp, Hanseatic Help e. V.

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