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#GrenzenlosGemeinsam mit Ilija Trojanow

#GG Trojanow FB (1)

Wer sind Sie?

Ehemaliger Flüchtling, heute Geflüchteter, ansonsten Wortsammler und Sprachgärtner

Grenzenlos gemeinsam mit Projekt Seehilfe e.V. – Warum?

Weil die Überzeugung, Grenzen würden Probleme lösen, zu den großen Illusionen gehört

Wie können wir gemeinsam Geflüchtete über Grenzen hinweg unterstützen?

Es gibt eine konkrete Humanität der Mithilfe und es gibt eine universelle Humanität der Veränderung der Verhältnisse. Nur letztes wird die Probleme wirklich lösen.


Aus Ilija Trojanows autobiographischem Werk „Nach der Flucht“, noch unveröffentlicht, in dem er mosaikhaft-poetisch persönliche und gesellschaftliche Erfahrungen und den Umgang mit Flucht, Vertreibung, Gewalt und Heimat thematisiert. Wir veröffentlichen hier mit seiner Erlaubnis kleine, fragmentarische Auszüge:

Vorab

Der Flüchtling ist meist Objekt.

Ein Problem, das gelöst werden muss. Eine Zahl. Ein Kostenpunkt. Ein Punkt. Nie ein Komma. Weil er nicht mehr wegzudenken ist, muss er Ding bleiben.

Es gibt ein Leben nach der Flucht. Doch die Flucht wirkt fort, ein Leben lang. Unabhängig von den jeweiligen individuellen Prägungen, von Schuld, Bewusstsein, Absicht, Sehnsucht.

Der Geflüchtete ist eine eigene Kategorie Mensch.

Nach der Flucht

Die Frage: Wo kommst du her? wird erst dann unverdächtig sein, wenn ähnlich oft gefragt wird: Wo gehst du hin?

[…]

Briefe nach Hause sind Münchhausiaden. Ich schwöre, der Lüge zu dienen, mich einzig und allein der Notlüge zu bedienen, so wahr mir mein Stolz helfe. Mutter, im Neuland ist es wunderschön. Vater, im Neuland sind wir bestens versorgt. Mutter, könntest Du uns doch nur besuchen, um zu sehen, wie unser neues Heim eingerichtet ist, mit allem ausgestattet, was das Herz begehrt. Vater, was würde ich nicht dafür geben, Dich mit meinem brandneuen Passat durch die Berge zu fahren. Mutter, das einzige, was uns fehlt, Vater, das einzige, was uns fehlt zum Glück, ist Eure Gegenwart.

[…]

Von Anfang an entspricht das Neuland nicht den Erträumungen. Zelte Barracken Auffanglager. Wie bitte, im gelobten Land? Behördengänge Warteschleifen Leerläufe. Überall und mitten drin im gelobten Land. Warten Warten Warten. Auf einmal wieder das Bündel schnüren. Erneut in einer Warteschlange stehen, die zunehmend weiter in die Zukunft reicht, je länger der Geflüchtete in ihr verharren muss. Er lernt, ohne Geduld zu warten. Der Glaube ans gelobte Land ist eine zerrissene Anzeige auf dem schwarzen Brett.

[…]

Der Geflüchtete ist selten Querulant. Wie soll er seine Klage formulieren, wo soll er sie einreichen? Er hat wenige Rechte (er braucht lange, um zu begreifen, dass sein Grundrecht darin besteht, Rechte zu haben) und zu wenig Kenntnis von den Rechten, die ihm zustehen. Er erduldet die schlechte Behandlung, die geringe Bezahlung, die Arbeit weit unter seinem Bildungsniveau. Er kann sich nicht auf die faule Haut legen, weiler sich aus seiner Haut geschält hat. Die Ängste der Einheimischen sind Projektionen auf seinen ungeschützten Körper. Die ständige Defensive. Dieses Zehenspitzige.

[…]

Den Anderen nur als „Anderen“ wahrzunehmen, ist der Beginn von Gewalt.

[…]

Weil der Staat höchster Ausdruck von Zivilisation sein soll, liegt der Verdacht nahe, bei dem Flüchtenden, der die Hoheit des Staates durch seine Existenz an sich in Frage stellt, handele es sich um einen Barbaren. Es dauert eine Ewigkeit, diesen Verdacht auszuräumen.

[…]

Der Versuch, eine allgemeingültige Heimat zu bestimmen, ist die Fortsetzung von Gewalt.

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