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Rückblick: die dritte Fahrt nach Sizilien

Ankunft von Geflüchteten im Hafen von Pozzallo. Gerettet wurden die Menwchen vom Schiff Dignity, das zu Ärzte ohne Grenzen gehört.

Ankunft im Oktober von Geflüchteten im Hafen von Pozzallo: Gerettet wurden die Menschen vom Schiff “Dignity”, das zu Ärzte ohne Grenzen gehört.

Es sind Zahlen, die mittlerweile in Deutschland nicht mal unter den Kurzmeldungen auftauchen: Am 28. Dezember kam in Palermo ein Boot mit 931 Geflüchteten an. In den selben Stunden erreichten 114 Menschen den Hafen von Catania. Am 24. landeten 661 Geflüchtete in Porto Empedocle bei Agrigento. Ein Tag zuvor legte in Augusta, einer Stadt zwischen Catania und Siracusa, ein Boot mit 509 Menschen. An Board befand sich auch die Leiche eines jungen Mannes aus der Region südlich der Sahara, der vermutlich erstickt war. Die Liste der Neuankünfte könnte leider fortgeführt werden: Die Ausmaße der Fluchtbewegung sind seit Jahren Alltag auf Sizilien, dem Ort an dem wir als Hilfsorganisation tätig sind.

Die dritte Fahrt auf die italienische Mittelmeerinsel liegt hinter uns. Unsere Erfahrungen der Vergangenheit haben sich bestätigt: Wir legen den Finger auf die richtige Stelle. Sizilien ist einer der Orte, an denen es Europa weh tut. Es ist einer der Orte, an denen gedrückt werden muss. Phil, Tobi, Nils, Elli, Bernd und Martin haben dies getan.

Eine Woche lang haben wir in Pozzallo Quartier bezogen und unser Möglichstes getan, um Unterstützung zu leisten. Wir haben viele Geflüchtete getroffen. Ihre Geschichten lassen uns nachdenklicher denn je zurück. Vor allem hat uns die Perspektivlosigkeit extrem erschüttert. Wir haben Sachspenden dort eingesetzt, wo es uns notwendig erschien. Wir haben mit ItalienerInnen gesprochen und weitere Partnerschaften angebahnt.

Geflüchtete: alte und neue Freunde

Wir haben während unserer Fahrt einige Geflüchtete wieder getroffen, die wir von unseren letzten Fahrten bereits kannten. Einerseits ist das für uns und sie natürlich eine große Freude: Man sieht sich wieder, tauscht sich darüber aus, was in der Zwischenzeit passiert ist und freut sich über ein bekanntes Gesicht. Es herrscht eine gewisse Vertrautheit, wir sind Freunde geworden.

Andererseits stimmt uns ein Wiedersehen an gleicher Stelle auch traurig: Für viele der Geflüchteten hat sich kaum etwas geändert. Sie sind nach wie vor asylsuchend, das heißt, ihre Antragsbearbeitung dauert immer noch an. Ein Fotograf aus Pakistan, den wir im Juni dieses Jahres kennen lernten, hat zum Beispiel bereits einen positiven Bescheid, er darf also für fünf Jahre in Europa bleiben und arbeiten. Jedoch liegen ihm seine Dokumente bisher noch nicht vor. Bis zu seiner Anhörung im Juli wartete er aber auch schon mehrere Monate.

Auch neue Freunde haben wir gefunden: David aus Mali, den wir vor einem Supermarkt getroffen haben. Der Raum unter der Treppe neben dem Supermarkt ist sein Zuhause. Aisha aus dem Senegal, deren Mann im Gefängnis sitzt, weil er das Boot gesteuert hatte, in dem die beiden zusammen mit anderen Geflüchteten aufgelesen wurden. Aniqa aus Marokko, die vor einem Leben floh, das durch männliche Gewalt geprägt war.
Diese drei sind nur einige Beispiele für die vielen Geschichten, an denen wir teilhaben durften. Besonders fällt uns bei dieser Fahrt die große Zahl der obdachlosen Geflüchteten auf. Seit unserer ersten Fahrt im September 2014 versuchen wir, diese Menschen zu unterstützen. Die Notwendigkeit dazu scheint höher als je zuvor. Von allen Seiten wird uns berichtet, dass immer mehr Flüchtlinge auf der Straße leben. Gründe für die wachsende Zahl illegalisierter Menschen sehen wir in der Schaffung von Hotspots.

Steter Tropfen …

Elvira aus dem Centro Astalli in Catania ist eine der Stimmen, die davon berichtet. Sie ist die Leiterin des jesuitischen Centro, einer Einrichtung für obdachlose Geflüchtete, das wir bereits im Juni mit Medikamenten und Kleidung unterstützt hatten. Vor unserer Fahrt hatte uns die im Centro arbeitende Ärztin eine Liste mit Hilfsmitteln geschickt, die dringend benötigt werden. Dank einer Apotheke in Deutschland konnten wir vieles von dieser Liste zum Einkaufspreis erwerben, sodass wir eine viel größere Menge an Medikamenten für das gleiche Geld mit nach Catania bringen konnten. Außerdem unterstützte uns ein Unternehmen, indem es uns Wund- und Verbandsmaterial schenkte. Vor Ort kauften wir zusätzliche Medikamente und Kleidung, um das Centro zu unterstützen. Vor allem Jogginganzüge und Badeschlappen sind Güter, die immer gebraucht werden. Insgesamt konnten wir so 1737 Euro einsetzen. Zusätzlich haben wir für eine größere Gruppe Obdachloser Schlafsäcke und Isomatten besorgt, denn vor dem anstehenden Winter sind diese besonders wichtig.

Für die Menschen in der Flüchtlingsunterkunft von Aniqa und Aisha kauften wir Spiele und Fußballschuhe. In ihrer Abgeschiedenheit verbringen die Geflüchteten die meiste Zeit allein. Menschen in diesen Camps befinden sich in der Regel in einem Asylverfahren und warten auf eine abschließende Entscheidung, dies kann aber mehrere Monate dauern.

Ein weiteres Ziel unserer Fahrt war es Zeit mit Geflüchteten zu verbringen. Dank SkateDeluxe, die uns 20 Skateboards und Helme spendete, konnten wir einen Skateworkshop durchführen. Bernd, Nils und Tobi bauten eine Rampe aus Materialien, die uns AnwohnerInnen spontan organisierten, und zeigten den TeilnehmerInnen, sich auf dem Brett zu halten. Neben Spaß und Ablenkung vom eintönigen Alltag verspricht das Skateboarden den Geflüchteten vor allem eins: Mobilität, denn jeder Teilnehmer konnte sein Board behalten.

Der Skateworkshop Oktober 1025

Der Skateworkshop Oktober 2015

Außerdem versuchten wir, wenn immer möglich, individuell zu helfen, indem wir zum Beispiel mit obdachlosen Geflüchteten in den Supermarkt gingen und einzukauften, was sie konkret brauchten. Wir können damit zwar nur sehr punktuell unterstützen; in einer schwierigen Situation für andere da zu sein ist allerdings das, was für uns dabei zählt.

Die Reaktionen von David beispielsweise oder Goodwin, einem 51-jährigen obdachlosen Gambier, sprechen in unseren Augen dafür, wie wichtig auch solche kleinen Einsätze sind: Aus dem Bemühen der beiden Männer, die Fassung zu wahren, spricht die Tatsache, dass kleine Gesten der Mitmenschlichkeit keineswegs alltäglich sind.

Die Situation vor Ort

In Pozzallo, seit Jahren einer der wichtigsten Häfen der Insel im Zusammenhang mit ankommenden Geflüchteten, wurde Mitte September das EU-Konzept des “Hotspots” umgesetzt. BeobachterInnen von Ärzten ohne Grenzen, unsere Bekannten von Borderline Sicily und vor Ort arbeitende JournalistInnen schlugen schon nach kurzer Zeit Alarm: Minderjährige und Schutzbedürftige werden abgewiesen, nicht zu einem Asylverfahren Zugelassene werden dazu aufgefordert, sich selbst abzuschieben.

Angesichts dieser Realität begegnete uns an vielen Stellen Müdigkeit, Resignation und Frustration. Einige unserer Freunde in Sizilien, die seit langem in der Arbeit mit Geflüchteten aktiv sind, haben sich aus diesem Feld zurückgezogen. Zu wenige Veränderungen zum Guten habe sie gesehen, erzählt uns eine Freundin. Zu lange habe sich die Lage nur verschlechtert und nicht verbessert. Zu erschöpfend sei es, Neueinführungen wie das Hotspot-Konzept zu sehen, die die Situation lediglich verändern und Probleme von der einen Seite auf die andere verlagern, ohne sie aus der Welt zu schaffen.

Umso froher machen uns Initiativen und Menschen, die sich einsetzen. Lucia von Borderline Sicily, die vor Ort die Situation der Geflüchteten überwacht; das Team von Ärzte ohne Grenzen, das mit einem eigenen Schiff Menschen auf dem Mittelmeer vor dem Ertrinken retten und gerade bei den Ankünften anwesend ist; das Centro Astalli, das Obdachlosen die Möglichkeit zum Duschen, ärtzliche Versorgung und Rechtsberatung bietet; und viele andere, wie Enzo, ein Kneipenbesitzer in Pozzallo, der notgedrungen Sachspenden an Geflüchtete verteilt – in seiner Freizeit und obwohl er sich mit dieser Aufgabe überfordert und alleingelassen fühlt. All denen wollen wir an dieser Stelle unseren Respekt aussprechen und uns dafür bedanken, dass sie uns geholfen haben.

Wie geht es weiter?

Geschichten wie die von David, von Saliou und Aniqa treiben uns an, weiter und intensiver an Wegen zu arbeiten, um die Menschen auf Sizilien zu unterstützen. Wir wollen nicht akzeptieren, dass an den Grenzen Europas Menschen “aussortiert” und jeglicher Lebensgrundlage beraubt werden. Es kann nicht sein, dass sie illegalisiert und damit zu blinden Flecken in unserer Gesellschaft gemacht werden.

Es macht uns Mut, dass wir viele UnterstützerInnen dazugewonnen haben. Martin Gommel begleitete unsere Fahrt als Journalist und Teil des Teams. Seine Bilder halten Menschen in Deutschland die Bilder derjenigen vor Augen, die nicht gesehen werden sollen. Elli und Bernd fuhren einfach mit nach Sizilien, weil sie gerne zu unserer Arbeit beitragen wollten, auch ohne im Verein zu sein. Danke ihnen für die Unterstützung!

Viele, viele andere spendeten kleine und große Beträge, ohne die wir natürlich nicht so arbeiten könnten, wie wir es tun. Wir sind dankbar, dass wir durch sie unseren Beitrag leisten können. Dankeschön.

Text: Anna und Johanne

Fotos: Martin und Nils

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