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Vor verschlossenen Türen – Teil 2: Luigi, Ibrahim und die Idee einer besseren Welt

‚Zeit, etwas zu ändern‘, dachte Luigi nicht nur, als er immer wieder SchwarzarbeiterInnen traf und dank Ágata erfuhr, was das Praktikumssystem bewirkt. Er dachte es auch, als er erkannte, was Intensiv-Landwirtschaft und Hochleistungsproduktion mit Pestiziden anrichten. (Hier geht’s zu Teil 1 der Reportage).

Ágata und er entschieden sich, das Öko-Projekt auch als Gegenentwurf zum Bestehenden aufzubauen. Basierend auf Permakultur-Prinzipien sollen in diesem Rahmen konsequent ökologisch angebaute Kräuter sowie Gemüse verkauft werden und vor allem sollen die MitarbeiterInnen gerecht entlohnt werden.

Luigi

Luigi

Kurz darauf lernt Luigi Ibrahim kennen, der gerade seinen Tirocinio Formativo in einem Sozialprojekt absolvierte. Sie kommen darüber ins Gespräch, dass Ibrahim in seiner Heimat Gambia gesehen hatte, welchen Schaden die chemischen Stoffe auf den Feldern anrichten. Er erzählt von der Einführung dieser hochintensiven europäischen Arbeitsweise, die in vielen Teilen Afrikas die Böden kaputt macht, andere Formen des Anbaus und der Arbeit verunmöglicht und dazu beiträgt, dass viele Menschen dort keine Lebensgrundlage mehr haben. Während sie sprechen, zündet sich der junge Mann eine Zigarette an und diskutiert angeregt weiter. Den zu Ende gerauchten Stummel sammelt er penibel auf und wirft ihn weg – der Boden solle nicht leiden. „Da wusste ich: Er ist der Richtige“, erinnert sich Luigi. „Jemand, der auch auf die kleinen Dinge achtet und die großen dadurch erkennt“. Kurz darauf stellt er Ibrahim fest an.

Luigi und Ibrahim packen gemeinsam an

Luigi und Ibrahim packen gemeinsam an

Durchatmen, bevor es weiter geht

Durchatmen, bevor es weiter geht

Auf echter Augenhöhe

Leicht ist die Zusammenarbeit nicht immer. Luigi geht persönliches finanzielles Risiko ein, von dem auch Ibrahims Zukunft abhängt. Doch sie sind überzeugt, dass es sich lohnt. Ibrahim brachte viel Wissen über naturgerechte Anbaumethoden mit, das dem kleinen Unternehmen eine große Hilfe. Er wusste, wie man aus einem brachliegenden Feld ganz ohne Chemie eine üppige Ernte macht. In den ersten Jahren würde die Produktivität nicht so hoch sein – klar. Aber dafür viel nachhaltiger mit fruchtbaren Böden, leckeren Produkten und einem gesunden Team. Aus Chef und Mitarbeiter sind inzwischen Freunde geworden. Langsam beginnt Ibrahim auch sich zu öffnen und zu erzählen: Von der Flucht, der Angst, der Gefangenschaft in Libyen, der Tatsache, dass die Probleme in Afrika nicht unabhängig sind vom Rest der Welt.

“Ibrahim wurde für mich auch zum Lehrer. Und einem Fenster zum großen Ganzen der Migration“, staunt Luigi. „Hilfe muss auf Gegenseitigkeit und Respekt beruhen, auf menschlicher Begegnung und Freundschaft. Es darf nicht um starre Systeme und nur um Menschen als Problem oder Zahl gehen. Ich habe von Ibrahim unglaublich viel gelernt, für mich neue Herangehensweisen, neue Weltsichten“. Dazu gehört auch die Einsicht, dass sich nicht immer alles kontrollieren lässt und nicht alles selbstverständlich ist. Deshalb besprechen sie regelmäßig gemeinsam, wie sie am Besten vorgehen wollen und welche Technik warum angewendet werden soll. Das Öko-Projekt ist mittlerweile viel mehr als ein Arbeitsplatz.

Wir ernten, was wir säen

Wir ernten, was wir säen

„Was letztlich zählt ist aber, was wir tun“

Man könnte diese Erfolgsgeschichte nun als Einzelfall abtun. Aber es ist wichtig zu sehen, dass nicht nur die Arbeitsmarktpolitik viel davon lernen kann. Als wir zu Besuch sind, schaut Ibrahim zum Abendessen vorbei. Die Atmosphäre ist herzlich. Man arbeitet nicht nur zusammen, sondern teilt Lebenszeit und Zuneigung. Ibrahim erzählt von einer islamischen Weisheit: „Du kannst noch so gläubig sein und noch so viel beten. Den Beweis deines Glaubens erbringst du auf dem Feld“. Das kann man auch als Metapher verstehen: Wir können viel reden. Was letztlich zählt ist aber, was wir tun.

Denn viel zu selten passiert es, dass ArbeitgeberInnen sich genauer anschauen, welches Potential in anderen Wissensformen, Erfahrungen und Persönlichkeiten steckt. Was wir von diesen Menschen, die zu ‚uns‘ kommen eigentlich lernen können.

Stattdessen werden massenweise Menschen, die vor Perspektivlosigkeit und Ausbeutung geflohen sind, in ein ebenso ausbeuterisches System eingespeist, ohne Integrationsmaßnahmen, die auf Augenhöhe und Gegenseitigkeit zu beruhen. Die Politik spricht von ‚Integration‘ – also die Aufnahme neuer “Elemente” in eine bestehende Gesellschaft. Als ob diese unsere Gesellschaftsform die einzig mögliche, die einzig gute wäre. Luigi mag den Begriff daher gar nicht. Für ihn geht es darum, sich auf Augenhöhe zu treffen und gemeinsam aus dem, was zusammen kommt, etwas neues zu bauen.

Luigis und Ibrahims Geschichte zeigt, dass es anders laufen kann, auch wenn es schwer erscheint. Denn anders bedeutet vor allem, dass ‚wir‘, die zufällig einen europäischen Pass und Wahlrechte in Europa haben, ganz fundamental etwas verändern können, um eine Gesellschaft zu bauen, in der Miteinander und Nachhaltigkeit etwas zählen. Vielleicht können wir das, was wir „Flüchtlingsproblem“ nennen, dann als Chance begreifen. Eine Chance, um viele Dinge, die in der EU und weltweit im Argen liegen, neu zu betrachten. Wie wir arbeiten, wie wir konsumieren, wie wir miteinander umgehen zum Beispiel. Auch die großen Dinge fangen ganz klein an. Manchmal mit einer Auberginenernte von 50 Kilogramm.

Bunt ist besser

Bunt ist besser

Text: Carolin und Ágata

Redaktion: Hannah
Großer Dank gebührt Luigi, Ágata und Ibrahim nicht nur für ihr Projekt, sondern für all das, was wir von ihnen lernen durften!

Mehr Infos zu ihrem Projekt „Azienda Agricola Airone“.

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