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Ärzte ohne Grenzen über den Hotspot Pozzallo

Unzureichende rechtliche Beratung und zu schnelle Identifizierungsverfahren im Hotspot Pozzallo

Unzureichende rechtliche Beratung und zu schnelle Identifizierungsverfahren im Hotspot Pozzallo

Kakerlaken befallen die Krankenstation, die Toiletten sind immer wieder defekt, die Duschen haben weder Türen noch Vorhänge, warmes Wasser fließt nur selten, Frauen, Männer und unbegleitete Minderjährige teilen diedieselben Räume, die häufig überfüllt sind. Im Erstaufnahmezentrum von Pozzallo auf Sizilien herrschen laut einem Bericht von Ärzte ohne Grenzen menschenunwürdige Zustände.

Die Einrichtung, die als eine der ersten in Europa zu einem Hotspot umfunktioniert wurde, sei ungeeignet und weise „Struktur- und Verwaltungsmängel“ auf, „die Auswirkungen auf die körperliche und seelische Verfassung der betreuten Personen haben“, heißt es in dem Dokument, das am 17. November vor dem Untersuchungsausschuss des italienischen Parlaments zu dem Aufnahmesystem für Geflüchtete vorgestellt wurde.

Ärzte ohne Grenzen verlangt von den italienischen Behörden eine neue Strategie: Italien sollte sich vom „Notfall-Ansatz“ verabschieden und den Geflüchteten „geeignete Bedingungen und Dienstleistungen“ anbieten. Wir fassen die wichtigsten Passagen des Berichtes zusammen, den ihr im Original hier herunterladen könnt.

Überfüllung, keine Trennung zwischen Männer- und Frauenbereich: Das Zentrum ist für maximal 220 Personen ausgelegt. Ärzte ohne Grenzen durfte es zwischen Februar und September regelmäßig besuchen. In diesem Zeitraum, in dem 12.483 Menschen am Hafen von Pozzallo ankamen, war die Einrichtung mehrmals überfüllt. Das Gebäude verfalle zunehmend, trotz mehrfacher Hinweise seien allerdings die notwendigen Wartungsarbeiten nicht durchgeführt worden, heißt es in dem Bericht.

Aus strukturellen Gründen ermöglicht das Zentrum keine Aufteilung der Geflüchteten nach Geschlecht, Alter und persönlichem Schicksal (das heißt unter anderem, dass keine separaten Räume existieren, in denen Opfer von körperlichem, psychologischem oder sexuellem Missbrauch extra betreut werden können). Zwischen dem Männer- und dem Frauensaal gibt es keine physische Trennung; manchmal, wenn wenige Menschen das Zentrum bewohnen, werden Frauen in dem Männerbereich untergebraucht. Unbegleitete Minderjährige teilen die selben Räume der Erwachsenen.

Schimmel und Kakerlaken in der Krankenstation: Die Decke sei in zwei Stellen undicht, Wasser dringe unter anderem in den Schlafraum der Männer ein. Eine Stelle auf der Wand der Krankenstation sei mit Schimmel überzogen. Die Krankenstation sowie alle anderen Räume des Zentrums seien außerdem für Kakerlakenbefall anfällig. Das sei „inakzeptabel“, heißt es in dem Bericht. Dabei scheint der Betreiber der Einrichtung das Ausmaß des Problems und die möglichen gesundheitlichen Folgen nicht ernst genug zu nehmen. So wurde zum Beispiel am 16. Juli einen Kakerlakenbefall gemeldet; die Räume wurden erst ab dem 5. Oktober desinfiziert.

Toiletten und Duschen ohne Türen: Der Toilettenraum hat keine Türen, die WC-Abflüsse funktionieren schlecht, die Duschen haben weder Türen noch Vorhänge, warmes Wasser ist nur vormittags und nur zum Duschen verfügbar. Das Fehlen der Türen setze die Geflüchteten einer „erniedrigenden und entwürdigenden“ Situation aus, kritisiert die Organisation.IMG_3407

Krätze-Behandlung erfolgt in den Toiletten: Die speziellen Sets für die Krätze-Behandlung wurden mehrmals nicht verteilt oder waren unvollständig. Dasselbe gilt auch für die Hygienesets. Die Krätze-Behandlung erfolgt in den Toiletten, der Raum sei wenig beleuchtet und feucht, außerdem sei der Boden rutschig. Aus diesem Grund habe Ärzte ohne Grenzen einen Raum für die Krätze-Behandlung gefordert.

Notausgang von außen blockiert, keine funktionierende Feuerlöschanlage: Ein Polizeiauto blockiere ständig den Notausgang. Das sorgt für Spannungen innerhalb des Zentrums und stellt ein Sicherheitsproblem dar. Die Einrichtung verfüge zwar über eine Feuerlöschanlage, sie funktioniere allerdings nicht, weil sie nicht gewartet wurde. Polizisten sperren außerdem den Haupteingang von außen durch eine Holzstange.

Kaum Kontakt mit der Außenwelt: Nach ihrer Ankunft müssen die Geflüchteten ihre persönlichen Gegenstände – inklusive Handys – abgeben und warten, bis ihnen der Betreiber eine Telefonkarte im Wert von 15 Euro liefert. Allerdings befinde sich die einzige Telefonanlage in einem Teil des Zentrum, zu dem die Geflüchteten nur begrenzt Zugang haben. Zudem funktionieren manche Telefonkarten nicht.

Ausgangsverbot: In manchen Fällen durften die Geflüchteten weder das Zentrum verlassen noch den offenen Teil betreten und mussten mehr als die maximal zulässigen 48 Stunden in der Einrichtung verbringen. So blieb zum Beispiel im September eine Gruppe unbegleiteter Minderjährige aus Ägypten für zwei Wochen in dem Erstaufnahmezentrum, weil sich die Suche nach geeigneten Einrichtungen für sie schwierig gestaltete.

Unzureichende rechtliche Beratung und zu schnelle Identifizierungsverfahren: Mehrmals stellten die Geflüchteten den Mitarbeitern von Ärzte ohne Grenzen juristische Fragen, auf die sie offensichtlich bis zu jenem Zeitpunkt keine Antwort erhalten hatten. Das Verfahren zur Identifizierung der Geflüchtete und zur Feststellung ihrer Situation erfolge sehr schnell und unmittelbar nach der Ankunft, zu einem Zeitpunkt also, in dem die medizinische Versorgung eher Priorität hätte. Manche beklagen im Nachhinein, dass sie die Fragen nicht verstanden hatten oder Dokumente unterschrieben, deren Inhalt ihnen nicht klar war.

„Bedenken, dass das System angemessen ist“: Angesichts der Vorstellung des Berichtes fand am 17. November vor den italienischen Untersuchungsausschuss eine Anhörung statt, an der unter anderem auch der Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen in Italien, Stefano Di Carlo, teilnahm. „Das System, das aktuell in Pozzallo angewendet wird und stellvertretend für die Erstaufnahme in Italien steht, ist unserer Meinung nach nicht funktionell“, sagte Di Carlo. „Unsererseits bestehen Bedenken darüber, dass dieses System angemessen ist.“ Darüber hinaus zeigte sich der Einsatzleiter skeptisch gegenüber dem Hotspot-Modell für Pozzallo. Aufgrund der Schwierigkeiten, die man schon jetzt habe, „scheint es mir sehr schwierig, ein Modell umsetzen zu können, das im Grunde genommen eine viel komplexere Struktur als das aktuelle hat.“

Text: Alessandro

Fotos: Martin Gommel

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