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#OneBagOneName: Projekt Seehilfe e.V. gibt Geflüchteten ein Stück Privatssphäre zurück

Die Sonne knallt vom Himmel, der Stau ist dicht wie immer, und wer nicht hupt, hat nicht gelernt richtig Auto zu fahren – der ganze normale Verkehrswahnsinn in Siracusa auf Sizilien also. Auch das Team von Projekt Seehilfe e.V. kämpft sich im neongrünen Bulli an kleinen Fiats und den typischen Vespas vorbei. In der nächsten Rotphase drängt sich ein junger Mann durch den dichten, abgasverseuchten Verkehr. Hin und wieder fällt etwas Kleingeld aus einem Autofenster in seine zur Schale geformten Hände. Wir fahren rechts ran. „Gib mir mal einen Rucksack“, ruft Philipp vom Fahrersitz nach hinten. Anna reicht ihm eines unserer vollbepackten Soforthilfekits und Nils öffnet die Tür. Die beiden schlendern zu dem jungen Mann, der sich als Charles** vorstellt. 23 Jahre alt, aus Nigeria, keine Papiere, kein Job, keine Wohnung.

Abgelehnt: Wenn es weder vor noch zurück geht

Als Nils ihm den Rucksack übergibt und zeigt, wie die handbetriebene Taschenlampe funktioniert, verengt sich sein Blick. „Who are you?“, fragt er misstrauisch. „Are you from the government? Or the media?“. Als die beiden erklären, was Projekt Seehilfe e.V. tut und warum, entspannt er sich und nimmt den Rucksack entgegen. Zu oft habe er erlebt, dass ReporterInnen und staatliche HelferInnen ihn ausfragen, oder etwas von ihm im Gegenzug zur „Hilfe“ erwarten. Darauf haben er und seine Freunde keine Lust mehr, denn das papierlose Leben in der Obdachlosigkeit ist hart genug. Er will arbeiten, hat Pläne, Träume, Ideen. Sein Asylgesuch aber wurde abgelehnt. Ist der Traum geplatzt?

Charles’ Geschichte steht exemplarisch für viele Schicksale obdachloser Geflüchteter, die wir auf unseren halbjährlichen Sizilienfahrten kennen lernen. Weil ihre Anträge auf Asyl oder subsidiären Schutz abgelehnt wurden (den Unterschied erklärt z.B. der MDR hier), mussten sie die Erstaufnahmezentren verlassen. Einige sind auch aus den Zentren geflohen, weil die Zustände und das Warten unerträglich wurden. Viel häufiger werden sie aber schon kurz nach der Ankunft an Land in den Hot-Spots abgewiesen – mit der Begründung, sie seien Wirtschaftsflüchtlinge. Eine “Anhörung” besteht manchmal nur aus drei Fragen.

In ihren Taschen tragen die Abgewiesenen wenig mehr als den Ablehnungsbescheid und die unterschriebene Verpflichtung auszureisen. Nicht alle können die Dokumente lesen. Und: Eine Rückkehr kostet Geld. Zugleich bedeutet diese für viele das Versagen auf dem Weg in ein neues, sicheres Leben, Schande vor den Zuhausegebliebenen, die so sehr auf Unterstützung hoffen. Nicht zuletzt bedeutet es, in einen gefährdeten Alltag zurückkehren zu müssen. Nicht in jedem der Herkunftsländer herrscht Krieg, wohl aber Zustände die Menschen dazu bringen, eine lebensgefährliche Flucht auf sich zu nehmen, kriminellen Schlepperbanden ihr gesamtes Erspartes zu überantworten und die Obdachlosigkeit zu riskieren. Warum also eine Rückkehr wagen?

 

„Invisibile“- Die Unsichtbaren

Kein Geld und Angst vor der Rückkehr – letztlich führt das in den meisten der uns bekannten Fälle zu Obdachlosigkeit, Schwarzarbeit, Prostitution und direkt hinein in die Ausbeutung. Was wirklich schematisch klingt, ist am Ende traurige Realität. Wir erfahren sie immer wieder in Form der Geschichten und Berichte Geflüchteten und Aktiven. Nur wenige NGOs und Vereine kümmern sich auf Sizilien um diese Menschen, die weder vor noch zurück können. Die, die es tun leisten beeindruckende Arbeit. Padre Carlo ist einer von diesen HelferInnen. Der Priester, der derzeit 35 junge Männer unabhängig von Konfession, Herkunft und Status in seinen Kirchengebäuden aufgenommen hat, nennt sie: Il Invisibile – Die Unsichtbaren. Mit großer Sorge beobachtet er seit Jahren, wie die Menge der „Invisibile“ zunimmt. Er beschreibt sie als Identitätslose, die scheinbar unerschöpflichen Nachschub für die mafiös unterlaufene Tomaten- und Kartoffelernte bieten. Es sind unzählige Menschen, die mittlerweile sogar Gefahr liefen, Opfer von Organhandel zu werden, wie uns Santos C. vom Roten Kreuz in Catania berichtet. In die Tausende geht auch die Zahl der Obdachlosen, die sich durchschlagen müssen, indem sie an Autoscheiben klopfen.

Ein Rucksack ist nicht genug: Was wir tun (können)

Wir wollen ihnen so gut es geht helfen, auch wenn es sich häufig wie ein Tropfen auf den heißen Stein anfühlt. Die Rucksäcke, die wir ihnen mitgeben, sind gefüllt mit einer Notversorgung: Nahrungsmittel, Hygieneartikel, Kleidung. Noch wichtiger aber, so unser Vereinsvorstand Philipp: „Die Rucksäcke selbst bieten ein Stückchen Privatsphäre zurück“. Denn sie ermöglichen den Schutz und Transport der Habseligkeiten, die zum Zuhause werden. Julius**,der aus Stuttgart nach Italien abgeschoben wurde, sagt sogar: „Das ist mein Zimmer“. Außerdem schaffen die Rucksäcke Momente der Begegnungen und bieten einen kleinen Lichtblick im täglichen Kampf nicht nur gegen den Hunger, sondern auch gegen Rassismus, Isolation und gewaltvolle Ablehnung. Charles fragt uns sogar: „Aren’t you afraid of us? You are Whites. We thought they were afraid of us“. Diese kleinen Gespräche und Gesten sind für viele Geflüchtete deshalb auch wichtig, um den Mut nicht sinken zu lassen. Einige kennen uns noch von früheren Fahrten, begrüßen uns herzlich und freuen sich, dass sie nicht in Vergessenheit geraten. Auf jeder Fahrt alte Bekannte zu treffen ist eigentlich schön. Dass sich ihre Situation seit dem letzten Besuch aber nicht verbessert hat, macht uns betroffen, wütend, manchmal ratlos.

Wir fühlen uns angespornt weiter zu machen, weil wir nicht wollen, dass Charles, Julius und die anderen unsichtbar bleiben. Ihre Ablehnungsverfahren mögen exemplarisch sein. Ihre persönlichen Geschichten aber nicht. Zu einer jeden gehört eine einzigartige Person, die das Recht auf ein gutes Leben hat. Wir wollen von ihnen erzählen, um ein wenig davon sichtbar zu machen. Deshalb haben wir während der 6. Sizilienfahrt im August 2017 die Aktion #OneBagOneName auf Twitter gestartet. Du kannst sie unterstützen, indem du Geld für die Soforthilfekits spendest. Sie werden immer dann verteilt, wenn wir vor Ort sind. Genauso wichtig ist, über diese Geschichten zu sprechen, sie zu verbreiten, die Menschen sichtbar zu machen. In der Zwischenzeit planen wir zusammen mit unseren PartnerInnen Langzeitprojekte, damit es nicht bei einem Rucksack bleibt.

Die Geschichten der Rucksäcke und ihrer neuen BesitzerInen gibt es hier gesammelt.

** Um die papierlosen Menschen, die wir kennen lernen, und ihre Privatssphäre zu schützen, wurden ihre Namen geändert. Deshalb gibt es hier auch keine Fotos von ihnen, sondern nur von den Rucksäcken.

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