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Jeder Tag ist Frauentag: Frauen auf der Flucht

Weltweit sind die Hälfte aller flüchtenden Menschen Frauen. 2019 waren das etwa 40 Millionen Menschen. Dass die Flucht für Frauen anders aussieht, wird dabei noch nicht ausreichend berücksichtigt, auch in Europa nicht. Eine genderspezifische Beobachtung der Situation Geflüchteter findet so gut wie nicht statt. Dabei waren in den letzten zehn Jahren etwa ein Drittel bis die Hälfte aller nach Europa kommenden Menschen weiblich.

Die Gefahr sexueller Gewalt

Frauen laufen immer Gefahr, Opfer von sexueller Gewalt zu werden – ob im beinahe rechtsfreien Libyen, einem überfüllten Aufnahmelager in Europa ohne angemessene Schutzräume für Frauen oder als Obdachlose auf der Straße. Vergewaltigung, die Übertragung von Geschlechtskrankheiten oder eine ungewollte Schwangerschaft sind dabei nur physische Auswirkungen. Auch der psychische Umgang mit dem Wissen über diese Gefahren ist eine Belastung, die Männer so nicht kennen.

Die Gefahr für junge Mütter

Gewollt oder ungewollt schwanger – während der Flucht ein Kind zu bekommen ist eine spezifisch weibliche Erfahrung. Dabei werden die werdenden Mütter nicht von Hebammen begleitet und haben keine Sicherheit durch regelmäßige Kontrolluntersuchungen. Stattdessen können sie nicht wissen, wo sie sich befinden werden, wenn ihr Kind kommt, ob sie bis dahin den Strapazen einer Flucht gerecht werden oder ob sie für ihr Kind werden sorgen können.

Die Gefahr sexueller Ausbeutung

Dass Frauen nicht nur in dieser Situation Opfer von sexueller Ausbeutung werden können, liegt auf der Hand. Ist kein Geld vorhanden, kann auch Sex ein Zahlungsmittel für die Weiterreise sein. Gerade in den letzten Jahren verschob sich der Fokus von flüchtenden Frauen, die männliche Familienangehörige begleiten, hin zu immer mehr allein flüchtenden Frauen. Mitunter schließen sie sich aus Sicherheitsgründen größeren Gruppen oder Männern an, von denen sie dann wiederum abhängig sind. Zwischen 2014 und 2017 wurde in Italien eine Zunahme des Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung um 600% festgestellt. Die meisten der Betroffenen waren nigerianische Mädchen zwischen 15 und 17 Jahren.

Die Gefahr, unsichtbar zu sein

Obwohl Frauen also spezifische Erfahrungen machen und Gefahren ausgesetzt sind, die Männer so nicht kennen, werden diese nicht ausreichend anerkannt. Auch heute sind Frauen in Aufnahmelagern in Europa nicht ausreichend geschützt, Vergewaltigungen beispielsweise kommen immer wieder vor. Das Sprechen über sexuelle Gewalt kann Traumata aufwecken und ist gesellschaftlich oft nicht erwünscht. Psychologische Angebote gibt es zu wenige. Auch deutet sich an, dass es Diskrepanzen zwischen den Zahlen von Frauen und Mädchen auf der Flucht und in Ankunftsländern gibt – und dass Frauen und Mädchen dazwischen einfach verschwinden. Das Schweigen über weibliche Fluchterfahrungen und Lebensrealitäten ist also mitnichten ein Zeichen dafür, dass Geschlecht auf der Flucht keine Rolle spielt. Es zeigt nur, wer wovon sprechen darf und kann.

Quellen: Der Report Migrant, refugee and asylum-seeking women and girls in Europefür die Gender Equality Division des Europarats 2019 und die Strategie zur Geschlechtergerechtigkeit des Europarats (2019): Protecting the rights of migrant, refugee and asylum-seeking women and girls.

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