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Vor verschlossenen Türen: Warum der Zugang zum Arbeitsmarkt für Geflüchtete in Sizilien so schwer ist

„Sie nennen mich den verrückten Professor“, erzählt Luigi schmunzelnd: Denn vor Kurzem hat er seine sichere Vollzeitstelle an einer öffentlichen Schule drastisch reduziert, um sich stattdessen der Landwirtschaft für Bio-Gemüse und Heilkräuter zu widmen.

Dafür arbeitet er Tag für Tag auf den Feldern und kommt abends mit Körben voller glänzender Auberginen und würziger Kräuter zurück. Die Hände sind dreckig von der Erde, die er umgräbt. Verrückt, sagen die Leute. Seine Partnerin Ágata kommt derweil kaum noch mit dem Verkauf hinterher. Aber noch verrückter erscheint einigen, dass Luigi den 23-jährigen Geflüchteten Ibrahim fest angestellt hat und ihn gut bezahlt, inklusive Versicherung und Urlaubsanspruch. „Er könnte so viel Geld sparen!“, sagen sie. „Schließlich ist er ein Flüchtling!”. Luigi dagegen meint: „Ohne sein Wissen hätten wir nie so eine gute Ernte bekommen. Es wird Zeit umzudenken und zusammen zu arbeiten.“

Luigi auf seinem Feld

Luigi auf seinem Feld

Was steckt hinter solchen Aussagen? Diese Frage haben wir vom Projekt Seehilfe e. V. uns nach diesem Treffen gestellt. Wir haben Antworten gefunden, die unbequem sind:

Leben, um zu arbeiten?

Nicht nur in Italien zeigt sich: Geflüchtete Menschen sind meist äußerst billige und notgedrungen willige Arbeitskräfte. Eine große Mehrheit derer, die es über das Mittelmeer geschafft hat, ist jung, männlich, kräftig – und bereit, sehr viel zu tun, um das Geld zu verdienen, das zum Überleben und zur Unterstützung der Daheimgebliebenen notwendig ist.

Arbeit, also! Ehrliche Arbeit. Das ist, wofür viele der jungen Männer alles hinter sich gelassen haben. Sie wollen ihre Kraft, ihr Können, oft auch ihr enormes Wissen nutzen. Doch das ist nicht einfach. Ein Grund dafür ist sicherlich die schleppende Wirtschaft, unter der auch die SizilianerInnen leiden. Die Situation ist schlecht, Korruption grassiert, Vetternwirtschaft floriert. Das alleine erklärt aber nicht, warum viele der jungen geflüchteten Männer und zunehmend auch Frauen quasi vor dem Nichts stehen: Oft sehen sie am Ende keine andere Möglichkeit für sich als Schwarzarbeit oder Prostitution. Denn die Türen des Arbeitsmarktes und damit eines selbstbestimmten Lebens bleiben für sie verschlossen.

John aus Nigeria hat den Irrweg durch das fremdsprachige Labyrinth der europäischen Bürokratie bereits hinter sich. Wir treffen ihn vor einem Supermarkt sitzend, wo er den EinkäuferInnen hilft, die Sachen gegen ein paar Münzen zum Auto zu tragen. Er ist vor vier Jahren aus Nigeria geflohen, wurde auf dem Mittelmeer gerettet und schließlich nach Sizilien gebracht, berichtet John. Jetzt steckt er fest, ohne Papiere, ohne legale Möglichkeit zu arbeiten, ohne Chance auf ein Vor oder Zurück. Menschen mit ganz ähnlichen Biographien treffen wir quasi an jedem Supermarkt und an vielen Ampeln.

So sieht für viele Geflüchtete das neue „Zuhause“ in Europa aus

So sieht für viele Geflüchtete das neue „Zuhause“ in Europa aus

Abgelehnt!

Keinen gesicherten Aufenthaltsstatus zu haben, ist einer der Gründe dafür, dass geflüchtete Menschen nicht in legale Jobs kommen. Sie wurden abgelehnt, weil sie aus keinem offiziell anerkannten Kriegsgebiet kommen und formal gesehen, nicht zu einer aus religiösen oder ethnischen Gründen oder aufgrund ihrer Sexualität verfolgten Gruppe gehören. Dies aber wären die Voraussetzungen für den Flüchtlingsstatus oder wenigstens den subsidiären Schutz, der zu staatlicher finanzieller Unterstützung berechtigt. Um länger bleiben und arbeiten zu dürfen, bedarf es weiterer Migrationsstufen und neuer Prüfungen. Je nach Rechtssystem schaffen das in Europa oft nur die sehr gut Ausgebildeten. Menschen wie John gehören in keine dieser Kategorien. Das Wissen und Können, das er mitbringt, ist auf keinem Zeugnis festgehalten und damit scheinen das Recht auf Arbeit und auf Selbstbestimmung für ihn nicht zu gelten.

Irgendwo finden die meisten Geflüchteten dann  letztlich doch immer etwas Arbeit, die gerade so ein Überleben garantiert: Man kennt sich untereinander und ein riesiges Netzwerk spannt sich über die Insel. Es sammelt die „Invisibili“ (dt. die Unsichtbaren), wie man die illegalisierten Geflüchteten nennt, sehr effizient ein. Das Netz wird aufrecht erhalten von der Not der obdachlosen Geflüchteten und ihrer Familien – und dem Hunger der EuropäerInnen nach billigen Konsumgütern. „What kind of rescue was this?!“, fragt John uns aufgebracht und nimmt die Tüten des nächsten Einkäufers entgegen.

„Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen“, sagte Max Frisch. Warum er Recht hat.

Einige der Neuankömmlinge aber bekommen die Aufenthaltstitel und die Genehmigung zu arbeiten. Vor allem unbegleitete Minderjährige haben eine gute Chance darauf. Für sie gibt es gesonderte Integrationsprogramme, Sprachkurse und – wenn alles gut geht – den Zugang zu Schulen. Mit einem Abschluss in der Tasche, den manche schon mitbringen, blicken sie hoffnungsvoll in die Zukunft und bewerben sich für Jobs. Geregelte Arbeitsverhältnisse aber bekommen nur die wenigsten. Wir treffen Simona die bei ARCI, einem sozialistischen Arbeiter- und Kulturverein, in der Rechtsberatung für Geflüchtete und als Vormund für unbegleitete minderjährige Geflüchtete tätig ist. Sie ist froh, dass der italienische Staat die vielfältigen Probleme bei der Arbeitssuche zumindest teilweise anerkennt.

Im Gespräch mit Simona

Im Gespräch mit Simona

Um den Zugang in den Arbeitsmarkt zu erleichtern, wurden Programme eingerichtet, die Unternehmen dazu anregen sollen, Geflüchtete einzustellen. „Die so genannten Tirocini Formativi sind eine Art Praktikum oder Vorbereitung, an deren Ende eine Anstellung stehen soll“, erklärt uns Simona. „So werden Berührungsängste überbrückt, die Unternehmen machen keine Verluste, weil sie vermeintlich ungelernte Arbeitskräfte einarbeiten müssen, und die Jungs haben eine Möglichkeit im Job anzukommen“. Das klingt vielversprechend. Doch bei weiterem Nachfragen und auch aus der langjährigen Erfahrung, die Luigi und unser Teammitglied Ágata in der Flüchtlingshilfe haben, zeigt sich: Die meisten werden eben nicht angestellt.

Bei der großen Menge an jungen Menschen, die auf diese Chance warten, ist es für die Unternehmen ein leichtes, einen nach dem anderen für das Programm anzunehmen. Nach Ende des Praktikums wartet schon der nächste. So löblich der Ansatz also ist, so kurzsichtig erweist er sich in der Realität. Noch dazu beruht er voll und ganz auf einer Herangehensweise, die Geflüchtete zu BittstellerInnen macht. Seid froh, dass ihr überhaupt eine Chance bekommt. Als Vollzeitkraft bekommen sie nicht einmal das Gehalt einer Teilzeitstelle. Sie werden zu Arbeitskräften zweiter Klasse, denen keine andere Wahl bleibt, als das Spiel mitzuspielen. Das sind die Menschen, von denen die Berichte der ‚modernen Sklaverei‘ sprechen.

Ihr wollt wissen, wie Luigi und Ibrahim es besser machen wollen? Hier geht’s zum Teil 2 der Reportage.

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